Leseprobe aus Mord! Elviras Weg zum Buddhismus
“Vermisst”
Nach einigem Hin und Her entschloss ich mich Michael doch anzurufen. Wenn er sich melden würde, wollte ich schnell wieder auflegen. Ein Wort von ihm würde genügen und ich wusste, ich war einem chauvinistischen Schwein aufgesessen. Würde er sich nicht melden, wäre es zwar noch kein Beweis für einen Mord, aber auch keine Entlastung für Cordula. Mit einem mulmigen Gefühl griff ich nach dem Hörer.
„Leider nur die telefonische Mailbox. Hinterlassen Sie bitte eine Nachricht. Ich melde mich bei Ihnen. Bis bald.“
Meine Finger zitterten wie Espenlaub, als ich das Telefon wieder auf die Station legte. Mir war zu Mute, als hätte ich eine Todesnachricht erhalten. Eine Träne kullerte mir über die Wange. Unwirsch wischte ich sie fort. Michael bedeutete mir schließlich nichts, er war nur ein belangloses Wochenendvergnügen gewesen!
Zur Beruhigung goss ich mir noch einen Kräuterlikör ein und legte die halbaufgetaute Pizza in den Kühlschrank. Mir war der Appetit gründlich vergangen. Niedergeschlagen streckte ich mich auf meinem Sofa aus und ließ meinen Gedanken freien Lauf. Lässt ein Toter seinen Anrufbeantworter laufen? Nun, zumindest braucht es jemanden, der weiß, Michael würde ihn nie mehr abhören, und der das Gerät aus diesem Grund abstellt.
„Heißt das mit anderen Worten, Michael ist tot?“, überlegte ich.
Wie oft hatte ich versucht jemanden anzurufen und nur den Anrufbeantworter erreicht? Wie viele von diesen Leuten waren früher oder später putzmunter aufgetaucht? Meines Wissens alle! Besänftigt ging ich in die Küche und schob die Pizza in den Ofen.
Gerade als ich mir den letzten Bissen in den Mund schob, klingelte es an der Tür. Freudig sprang ich auf. Michael! Bevor ich die Tür aufriss, ermahnte ich mich wieder auf den Teppich zurückzukommen. Schließlich hatte mich der Mistkerl zwei Wochenenden lang warten lassen. Es klingelte erneut. Mich selber zurückhaltend machte ich die Haustür weit auf.
Polizei! Vor mir stand eine junge Frau in Uniform. Umständlich stellte sie sich vor und entschuldigte sich für die Störung. Kalter Schweiß lief mir den Rücken hinunter. Nervös bat ich sie herein. Sie winkte ab und sagte, sie hätte nur eine kurze Frage.
„Kennen Sie Egon Walter Michaelsen?“
„Wen bitte?“
„Egon Walter Michaelsen“, wiederholte die Polizistin.
„Tut mir leid. Den Namen habe ich noch nie gehört. Wieso?“
„Frau Winniefried, sind Sie sich ganz sicher?“
„Absolut. Der Name sagt mir nichts. Wie kommen Sie gerade auf mich?“
„Herr Michaelsen wurde als vermisst gemeldet. Ihre Telefonnummer steht in seinem Adressbuch.“
„Das wundert mich, einen Egon Walter kenne ich wirklich nicht. Vielleicht kennt ihn mein Mann, mein Ex-Mann. Wer weiß, wie lange die Nummer schon in dem Adressbuch steht? Tut mir leid, aber ich kann ihnen nicht helfen.“
Ich gab der Polizistin Lothars Adresse. Sie bedankte sich höflich und ging.
Meine Nerven fuhren Karussell. Ich wusste gar nichts mehr. War Cordula eine Mörderin? War Michael tot oder ein Schwein? Hatte Alfons seine große Liebe gefunden oder sein Leben ein Ende? Weshalb kannten fremde Männer meine Nummer?
Bis meine Kinder zurückkehren würden, hatte ich noch eine knappe Stunde Zeit, einen klaren Kopf zu bekommen. Widerstrebend entschloss ich mich zu einem Spaziergang und zog mir meine Jacke an. Plötzlich erinnerte ich mich an die Liköre. Schnell lief ich in das Bad und putzte meine Zähne. Aus Maximilians geheimer Vorratsecke stibitzte ich ein Kaugummi.
Bei einem wunderschönen Sonnenuntergang machte ich einen Rundgang durch unsere Siedlung. Noch heute, lange Zeit nach meiner Scheidung, ist es mir unangenehm ohne Begleitung spazieren zu gehen. Ich spüre förmlich die mitleidsvollen Blicke hinter den Gardinen. Ich weiß genau, was man dann über mich sagt! „Schau´ nur. Frau Winniefried läuft allein durch die Straßen. Was soll man anderes erwarten, geschieden! Na ja, jedem was er verdient!“
„Musste Egon Walter Michaelsen auch allein spazieren gehen? Wer wurde heutzutage Egon Walter genannt? Nur ein älterer Herr, wahrscheinlich war er ein wenig orientierungslos. Immerhin wurde der Arme von jemandem vermisst!“, ging es mir durch den Kopf.
Gerade als ich die Pforte aufmachte, sah ich Lothar in die Straße einbiegen. Hupend hielt er vor dem Haus. Warum musste mein Ex-Göttergatte seine Rückkehr in sein früheres Heim immer so laut ankündigen? Sollten die Nachbarn mitbekommen wie sehr er sich um unsere Kinder kümmerte? Oder dachte er, ich würde mich sonst nicht an sie erinnern? Krakeelend fiel mir meine Brut in die Arme. Kritisch musterte mich Lothar. War der Likör doch noch zu riechen? Unsicher folgte ich seinem Blick. Auf dem Revers und der Knopfleiste entdeckte ich Zahnpastaflecken. Hastig fragte ich Lothar: „Kennst du einen Egon Walter Michaelsen?“
Verständnislos schaute er mich an.
„Egon Walter Michaelsen“, wiederholte ich den Namen.
Lothar schüttelte nur mit dem Kopf. Laurens antwortete hingegen: „Den kenn ich. Das ist der Vater von Patrick aus meiner Fußballmannschaft. Wenn er seinen Vater foppen will, dann sagt er Egon Walter zu ihm.“ Bevor unser Ältester in das Haus stürmte, setzte er nach: „Ansonsten nennt er ihn Michael!“ (...)
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Frau vor der untergehenden Sonne
Ihre Schwester für meinen Mann
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